Barfuß durch den Sommer

Als Orchestermusikerin passiert es einem immer wieder: dieses „Was wäre wenn?“

Mitten im schönsten Konzert stellt man sich vor, wie es wäre, wenn man plötzlich aufstünde und ganz laut (und möglichst wunderschön) etwas ganz anderes spielen würde als alle anderen. Oder lautstark eine Rede halten. Einen Witz erzählen. Oder kreischend wie ein Affe von der Bühne hüpfen. Höchst gefährliches Kopfkino. Einerseits lenkt es von den Tönen ab, die man just in diesem Moment akkurat von sich zu geben hat und andererseits bekommt man natürlich auch wirklich ein wenig Angst vor sich selbst. „Nicht machen, nicht machen, bloß nicht machen!“ lautet die dringende Handlungsanweisung an sich selbst bei all diesen lustigen Filmchen. Des bösen Nachspiels wegen. Und dann die Nachspielfilmchen: Szenen, in denen man von der Bühne getragen wird und in einen Krankenwagen verfrachtet. Zeitungsmeldung am nächsten Tag. Und betretene Minen noch Jahre später, wenn man Kollegen irgendwo in der Stadt zufällig über den Weg laufen sollte. Am besten hätte man auswandern sollen, denkt man dann, dass man denkt, in dem Nachspielfilmchen Jahre nach dem Eklat. Und man spinnt sich das Auswandererleben zurecht, das man hätte führen können, wäre man tatsächlich ausgewandert. Mit neuem Job und neuen Nachbarn, Freunden und dem ganzen Drumherum. Und niemand in dem neuen Leben hätte je gewusst, dass man einst Geige spielte in einem Orchester. All dies spukt einem von Zeit zu Zeit im Kopf herum im Konzert.
Und doch tut man nichts von alledem.
Liefert stattdessen nur brav Töne ab.

Wie gestern beim Eis. Es war ja eigentlich schon toll genug. Kein anderer Ort auf dieser Welt, an dem ich hätte lieber sein wollen in dem Moment. Und mit keinen anderen drei Männern, als denen, die da waren. Lieblingsmann mit Sohn. Plus mein Sohn. Was will ich also mehr?
Das Kopfkino wollte mehr. Es wollte, dass ich mich leidenschaftlich dazwischenwerfe bei jeder Zärtlichkeit, die ausgetauscht wurde auf der anderen Tischseite zwischen Vater und Sohn. Quer über den Tisch sollte ich mich werfen, wollte es, um auch etwas abzubekommen davon und mitzumischen. Um die an sich schon vollkommene Szenerie mit noch mehr Dramatik zu versehen. Es wollte, dass ich Geständnisse mache, wollte, dass Gläser zu Bruch gehen und Dinge verschüttet werden um anschließend in gemeinschaftlicher Tätigkeit wieder aufgesammelt und bereinigt zu werden.
Stattdessen aß ich brav mein Eis.
Und wünschte einen schönen Sommer.

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