Ein fabelhafter Automat

„Ich bin dann mal eben schnell Zigaretten holen …“

Einfach erst mal raus. Nicht antworten, nicht reden. Und vor allem nicht die Scherben aufkehren müssen. Den Frühstückstisch hatte er decken wollen, dabei ging das Erdbeermarmeladenglas zu Bruch und er ekelte sich vor der mit Glassplittern durchsetzten, rot glänzenden Masse auf dem Fliesenboden. Und schließlich war es nicht seine, sondern ihre Marmelade und auch ihr Fliesenboden. Demnach waren es also auch ihre Glassplitter und das Entfernen ihre Aufgabe und nicht seine. Mit dem Gang zum Automaten konnte er Zeit gewinnen, brauchte nichts zu erklären und sie würde in der Zwischenzeit die Spuren seines Malheurs beseitigen und auch der Frühstückstisch wäre sicherlich gedeckt und das Fünfminutenei perfekt.

„Hallo, Sie wünschen?“, begrüßte ihn der Automat. „Zigaretten, was sonst“, antwortete er gereizt und der Automat spuckte die gewohnte Marke aus. Er nahm die Packung, steckte sie in die Jackentasche und wandte sich zum Gehen um. „Du siehst nicht gut aus heute, kann ich vielleicht sonst noch etwas für dich tun?“ Der vertrauliche Ton des Automaten war ungewohnt. „Ja, ähm, was hast du denn sonst noch so, außer Zigaretten?“ „Alles was du willst, bei mir bekommst Du alles, was du willst, ich bin so eine Art moderner guter Fee, weißt du.“ Der Zigarettenautomat eine gute Fee, nun ja, merkwürdig war das schon, aber sei’s drum, immerhin konnte er es ja mal versuchen. „Also weißt du, lieber Automat, wie soll ich es sagen, ich möchte meine Ruhe und dann wieder auch nicht, ich möchte wissen, wie sie denkt, möchte aber nicht mit ihr reden, denn wenn sie redet, dann habe ich das Gefühl, sie lügt mich an, und ich möchte gerne ihre wahren Gedanken wissen. Aber wie geht das, wenn ich doch nicht mit ihr reden will? Meinst du, das geht irgendwie? Kriegst du das hin?“
Und der Automat kriegte es hin. Es gab da eine Klappe an der Seite, die ließ sich öffnen, und es waren Zettel darin, beschrieben mit ihren Gedanken. Mit ihren wirklichen Gedanken, denn schließlich konnte man sie dort lesen, schwarz auf weiß. Mehrmals täglich suchte er nun den Automaten auf, um die Zettel mit ihren Gedanken zu entnehmen und sie zu lesen. Manchmal mehrere auf einmal, manchmal nur einer. Und so mancher Zettel roch ganz leicht nach Erdbeermarmelade. Er war nie zu ihr zurückgekehrt, nie hatte er die Scherben mit der klebrig süßen Masse beseitigt. Hatte er durch den Automaten doch auch so die Möglichkeit, an ihren Gedanken teilzuhaben, und viel besser war es so, denn es waren ihre wahren Gedanken und keine Lügen mehr. Auf die Zweisamkeit mit ihr konnte er verzichten, das war doch minderwertiges Blendwerk gewesen, ein viel zu klebrig süßes Malheur. Und ihre Blicke: reines Täuschungsmanöver. Sie brauchte ihn nur anzusehen, schon fühlte er sich ihrer sicher, zu gut beherrschte sie dieses Spiel. Doch nun ließ er sich nicht länger täuschen und belügen. Schließlich gab es ja den Automaten. Und jeden Tag einen neuen Gedankenzettel für ihn. Und wenn er Glück hatte, sogar gleich mehrere.

Nur manchmal war die Klappe leer. Dann war er enttäuscht. Und träumte nachts von ihr. Von ihrem Blick, der ihn einst so sicher machte. Von ihrem Körper, der sich immer gut anfühlte. Von ihren Händen, ihrem Mund. Er wachte auf und wollte nichts damit zu tun haben. Weil es nicht die Wahrheit war, nicht die des Automaten.

Und er ging den nächsten Zettel holen.

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