Die Flemm

Gestern Abend hatte sie mich beinahe unvorbereitet übermannt.

Während ich mir einen Fernsehfilm über Angstzustände und Zwangsneurosen ansah, schlich sie sich zunächst ganz langsam von der Seite her an mich heran. In vielerlei Hinsicht ging der Film mir nahe und die Charaktere berührten mich. Parallel dazu sinnierte ich über den aktuellen emotionalen Zustand meiner selbst.
Und dann war es schließlich so weit. Mit einem überlauten Buh! erschreckte sie mich dermaßen, dass ich noch nicht einmal mehr sagen konnte, aus welcher Ecke denn nun ganz genau sie gar so plötzlich hergekommen war.
Die Flemm hatte mir also wieder einmal einen Besuch abgestattet.
Der Saarländer versinkt nicht in Depressionen, er schert sich weder um die unterschiedlichen Mondphasen, noch kümmert ihn die zyklusbedingt veränderliche Zusammensetzung seiner Hormone.
„Isch hann die Flemm“, verkündet er stattdessen kurzerhand und es wird weder dramatisiert noch analysiert. Die Flemm kommt und geht, diese Gewissheit verschafft dem Saarländer das nötige Maß an Beruhigung. Zudem sorgt sie, bedingt durch ihr hormonunabhängiges Wesen, für Emanzipation unter den Geschlechtern, und da weder Mond noch Sterne eine Rolle spielen, ist auch der Grad der esoterischen Neigung nebensächlich. Weniger wird die Flemm argwöhnisch wie eine hinterlistige und gefährliche Krankheit beäugt, sondern vielmehr wie ein manchmal zwar etwas aufdringlicher und unbequemer, aber mit der Zeit dennoch irgendwie liebgewonnener Hausgenosse aufgenommen. Auch dadurch wohnt ihr nur ein geringer Schrecken inne.
Bei mir schien sie im Übrigen nur kurz auf der Durchreise gewesen zu sein. Als ich heute Morgen erwachte, war sie längst bereits verschwunden. Noch nicht einmal im Badezimmer hatte sie Spuren hinterlassen.

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Antwort zu „Die Flemm“

  1. WMDEDGT 11/2025 – Solveigh Röttig

    […] möchte ich mal noch einen Beitrag verfassen über die „Freck“, eine nahe Anverwandte der „Flemm“, über die ich mich vor Jahren bereits ausgelassen habe. Beides eher wenig willkommene […]

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