Escada

Es war Schnee gefallen über Nacht.

Mit völlig ungeeignetem Schuhwerk, übernächtigt und leicht verkatert begaben wir uns im Dreiergespann den Berg hinab, um auf dem Markt und aus dem Angebot unzähliger Asia-, Bio-, Kaffee- und sonstiger Shops den Bedarf für das Restwochenende zu decken. Als besonders angenehm ist mir der Moment in Erinnerung, in dem sich ein Wechsel vollzog von dem zunächst ziemlich widerlichen Nasskalt im Innern meiner Sneakers, hin zu einem wohlig-warmen Kwaatschen meiner Füße darin. Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gefühl beim Tragen eines Neoprenanzugs war nicht von der Hand zu weisen, und da ich mein erstes Surfabenteuer auf dem See bei Biblis erleben durfte, musste ich einen kurzen Moment lang an Atomkraft und ihre Gegner denken.

Wir erledigten unsere Einkäufe und tranken anschließend einen Kaffee in einem sehr gemütlichen, aber engen Café und bekicherten dabei die aufgedruckten Tiere auf unseren Taschentüchern und ich stellte bei einem Blick in den Spiegel auf der Toilette fest, dass ich doch mehr als nur leicht verkatert aussah, und dann begaben wir uns wieder auf den Heimweg.

Kurz vor Verlassen der Fußgängerzone traf der Heidenheimer andere Heidenheimer und ließ sich von ihnen in ein Gespräch verwickeln. Da diese Plauderei vor den Schaufenstern eines Mobiltelefonladens stattfand und mir dort ein pinkfarbener Schriftzug entgegensprang, nutzte ich die Zeit des Wartens dazu, das in jüngster Zeit heftig beworbene Handtelefon auszuspähen, um es einmal in einer anderen Form als nur der einer Abbildung in einer Werbebeilage zu Gesicht zu bekommen. Da ich es in der Auslage nicht entdecken konnte, beschloss ich, den Laden zu betreten. Die Nichtheidenheimerin schloss sich mir an mit dem Argument, ja, das machen wir, da drinnen ist es bestimmt nicht so saukalt.

Dingdong, dingdong, ein betörender Duft strömte mir entgegen und eine freundliche junge Dame im dünnen Strickpulli hieß uns von hinter dem Desk (gibt es denn da kein besseres Wort? aber Theke oder so klingt halt so sehr nach Kneipe und ich war ja wie gesagt bereits verkatert) also die nette junge Dame hieß uns willkommen. Ich fragte nach dem Handy. Dies könne sie mir leider nicht zeigen, dies gäbe es nur bei den Pinkfarbenen und ich sagte, das wüsste ich und guckte leicht irritiert auf den Schriftzug jener Farbe. Es roch wirklich sehr gut in dem Raum. Ausnehmend gut. Sie erklärte mir, dass sie nur Partner wären und nicht die Pinkfarbenen selbst und beschrieb den Weg zu deren Geschäft.

Vielen Dank und Tür auf und dingdong, dingdong und Tür wieder zu und wieder draußen im nassen Schnee.

Boah, hast Du das auch gerochen? stürmte ich auf die Nichtheidenheimerin ein. Das muss ich wissen was das war, ich will auch so riechen, ich muss das wissen. Ob es jetzt arg peinlich wäre, wenn ich da nochmal reingehe und nach dem Duft frage? Nein, das sei nicht peinlich, ich solle das ruhig tun.

Dingdong, dingdong.
Entschuldigung, aber ich hab da nochmal eine Frage, hier riecht es so gut, und da wollte ich mal fragen, welches Parfum haben Sie aufgelegt oder ist das ein Raumduft, das riecht so gut, können Sie mir sagen, was das ist?
Die junge Dame lächelte und meinte, nein, einen Raumduft haben wir hier nicht, also wenn – und dabei schnupperte sie suchend an ihren Handgelenken und Armen und an ihrem Pullover – dann bin das ich. Sie können gerne mal – und dabei streckte sie sich mir über ihren Tisch (weiß hier immer noch nicht das richtige Wort) hinweg entgegen, und der Pullover hatte einen ziemlich großen Ausschnitt und ich konnte ihren BH sehen und hatte plötzlich ihren Pullover und auch fast ihre Haut an meiner Nase – Sie können gerne mal testen, also wenn, dann bin ich das.

Auch ich war nach der Geruchsprobe der Ansicht, dass tatsächlich sie es sei und bestätigte ihr dies. Sie wiederum versicherte mir erneut, dass sie in dem Geschäft keinerlei Raumduft verwenden würden. Also bekam ich den Namen des Parfums genannt. Und Form und Farbe der Flasche beschrieben. Und die Information mit auf den Weg, dass sie ein Geschenk gewesen sei. Also die Flasche.
Ein letztes Mal sog ich den betörenden Duft ein, auf dass er mich noch ein wenig auf meinem bevorstehenden Weg durch die Kälte begleitete und ich bedankte mich und verabschiedete mich und dingdong, dingdong tönte die Tür beim Verlassen des Ladens.

Ich habe einer wildfremden Frau am Busen geschnuffelt.
Es passieren doch immer wieder Dinge im Leben, mit denen man so nicht gerechnet hätte. Und da ich kein Stillkind war, glaube ich sogar fast, ich habe noch nie zuvor überhaupt je einer Frau am Busen geschnuffelt.
Aber gestern in Heidenheim.

Ein Baum steht im Schnee und die Sonne scheint hindurch

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